Archiv der Kategorie: Geschichte

Unsere Hausnamen: Da Moar und andere

Dieser Text von Hans Obermair erschien am 19.2.2021 in der Ebersberger Zeitung

Ortsplan von Frauenreuth 1812, bearbeitet von Hans Obermair

Mein Vater hieß Hans Obermair. Seine alten Freun­de nannten ihn aber den „Niedermoar Hans“. Warum? Die Sache ist ganz einfach: Früher, und in ländlichen Ge­genden heute noch, nannte und nennt man die Leute nach dem Hausnamen des Hauses, aus dem sie kom­men. Und mein Vater stamm­te vom „Niedermoar“ in Frau­enreuth. Dieser Hausname ist schon 1501 in den Urbaren genannt und ist sicher we­sentlich älter. Wahrschein­lich hat das Kloster Tegern­see, zu dessen Verwaltung das Frauenreuter Gäu gehör­te, ihren Mairhof in frühester Zeit aufgeteilt und die Teile nach ihrer Lage benannt. Aus­gegangen ist man vom Dorf­mittelpunkt, der Kirche. Und so nennt man in Frauenreuth heute noch diese Anwesen beim „Obermoar“, beim „Nie­dermoar“ (Wirt), beim „Hin- termoar“ und beim „Neumo- ar“ (zu „Noima“ verkürzt).

Diese Aufteilung könnte auf Grund von weiteren Ro­dungen erfolgt sein. Eine ers­te Rodung hat ja dem Ort den Namen „Reuth“ gegeben. Mit der bedeutend werdenden Marienwallfahrt eben dann Frauenreuth. Die fünf weite­ren Anwesen, beim „Huber“, beim „Mesner“, beim „Schäff­ler“, beim „Rumpl“ (Schmied) und beim „Siman“ werden auf weitere Teilun­gen, oder Schenkungen, eventuell durch Rodungen veranlasst, erfolgt sein.

Im südlichen Bayern ist der Hofhame „Moar“ mit allen Varianten besonders häufig anzutreffen. Woher kommt der „Moar“? Reinhard Riepl schreibt: Er war Inhaber ei­nes ganzen Hofes (nach Hof­faß) oder Verwalter eines Gu­tes. Das Wort selbst kommt aus den Lateinischen Major und bedeutet, der, Größere, auf Besitz und Verwaltung bezogen. So nannte man schon die Vorfahren Karl des Großen Hausmaier. Sie ha­ben sich in der Verwaltung bewährt und hoch gedient. Der „Moar“ als der Verwal­tende ist heute noch in ver­schiedenen Sprachen prä­sent. Zum Beispiel in Franzö­sisch ist der „Maire“ der Bür­germeister, oder in Englisch heißt er der „Mayor“. Im bayerischen Dialekt ist der „Moar“ zwar kein Bürger­meister, aber in der Sprache des Eisschießens derjenige, der in der um eine Person we­niger besetzten Gruppe, den Fehlenden zu ersetzten hat, also zweimal dran kommt.

Der „Moar“ ist ein Name mit Bedeutung. Und so ist es nicht verwunderlich dass man zum Beispiel bei einer Einheirat oder eines sonsti­gen Wechsels gerne den „Mo­ar“ mitnahm und sich nach seiner Herkunft nennen ließ. Den „Moar“ gab es bei uns vornehmlich im bäuerlichen Umfeld. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er im Laufe der Zeit auch auf Anwe­sen, die keine „Moargröße“ hatten, Anwendung fand, eben zum Synonym für den Bauer wurde. Wie wäre es sonst zu verstehen, dass es in Landsham gleich ein ganzes Dutzend „Moar“ gab, wie Willi Kneißl nachweist: den Niedermoar, Hintermoar, Weidachmoar, Westermoar, Radlmoar, Geßmoar, Stock- moar, Feldmoar, Neumoar, Thalmoar, Obermoar und den Straßmoar.

Hausnamen können vieler­lei Entstehungsgründe ha­ben. Zum Beispiel beim „Mo­ar“, „Huaba“, „Lehna“ und „Häusler“ ist es die Anwe­sensgröße. Dann die Anwe­senslage, Unter, Ober, Berg, Anger, Feld und so weiter, oft verbunden mit anderen Be­griffen (z.B. Feldmoar). Häu­fig sind Hausnamen auch von Vornamen abgeleitet. Hier ist es in der Regel entweder der Vorname eines frühen, wenn nicht ersten Besitzers oder ei­nes Besitzers durch Hoftei­lung. Kommen innerhalb ei­nes Ortes überwiegend Vor­namen als Hausnamen vor, so könnte das mit der Besied­lung zu tun haben, zum Bei­spiel, wenn sich eine ganze Sippe nieder gelassen hat. Ein weiterer Anlass für Vorna­men: Der Grundherr ist ein Gotteshaus, dessen Haupthei­liger dem Hausnamen be­stimmt: Beim „Glos“ in Stein­hausen war die Nikolauskir­che in Steinhausen nicht nur der Nachbar, sondern auch der Grundherr. Wenn eine Kirche oder Pfarrei Grund­herr war, kommt auch „Wid­dumbauer“ vor, was sich im Laufe der Jahrhunderte zu „Wimmer“ zugeschliffen hat.

Auch Grund- oder Gerichts­herren können Hausnamens­geber sein, wie beim „Klin­ger“ oder beim „Zeller“ (Klos­ter Dietramszell). So auch die Herkunft des Siedler wie zum Beispiel beim „Schwabi“ .Vie­le Hausnamen wiedergeben den Beruf eines früheren Be­wohners, natürlich in Verbin­dung mit allen möglichen Kombinationen (Angerl- schuster usw.) Häufig haben auf Berufe zurückgehende Hausnamen den ursprüngli­chen ersetzt, weil Bewohner jetzt einen Beruf ausübten und natürlich über die Be­rufsnennung sich einen Wer­beeffekt erhofften.

Dass Hausnamen heute manchmal nicht mehr auf Anhieb zu deuten sind, hängt oft damit zusammen, weil sie heute noch im Dialekt ihrer Entstehungszeit gesprochen werden. Zum Beispiel „Moja“ (Maler). Wir nennen zwar heute noch mundartlich das malen „mojn“. Der frühere „Moja“ ist längst zum „Ma­ler“ geworden. Aber auch beim Nachbar des Glonner Moja, beim „Frosch“ lässt sich nicht mehr die Bedeu­tung auf Anhieb erkennen. Die frühen „Froschn’s“ aber werden durch das Fangen von Fröschen ihren Tisch oder gar ihren Geldbeutel aufgebessert haben.

Hausnamen hatten auch rechtliche Bedeutung. Die Fa­miliennamen änderten sich durch Heirat und Wechsel, die Verwaltung aber brauch­te in einer Zeit, wo es keine Straßennamen und Haus­nummern, keine Grundbü­cher gab, „ewige“ Namen. Und so hießen sie auch in ei­ner Verwaltungsvorschrift.
Gräbt man heute einen al­ten Gegenstand aus, der 500 Jahre alt ist, so ist die Sensati­on perfekt. Aber unsere alten Hausnamen, die oft weit älter sind, verkommen zusehends. Obwohl sie Familien-, Besied- lungs-, Wirtschafts-, und Sozi­algeschichte ersten Ranges sind. Überdies sind sie eine Quelle für die Mundartfor­schung. Schade, dass unsere Häuser so ihrer kulturellen Substanz beraubt werden.

 

 

 

Lichtmeß Schlenkeln

Dieser Text von Hans Obermair erschien am 30.1.2021 in der Ebersberger Zeitung

Von Lichtmeß und vom Schlenkln

Eine alte Weisheit sagt: „z´Neijahr a Hahnentritt,  z´Heili Drei Kini a Hirschensprung und                z´Liachtmess a ganze  Stund.“. Gemeint ist der Zuwachs des Tages  seit der Wintersonnenwende. Damit  hat der Volksmund nicht nur der religiösen Bedeutung dieses Tages Rechnung getragen. Mit diesem zweiten Februar,  40 Tage nach Weihnachten,  endete früher  dieser Festkreis,  eben mit der Darbringung des Jesuskindes im Tempel. Also ein hochreligiöses Fest, das  bis 1912 ein gesetzlicher Feiertag war. Woher kommt der Name Lichtmeß?  Von den theologische Anlässern, von denen es mehrere gibt, eher nicht. Plausibler ist das Messen des werdenden Lichts, also den länger werdenden Tag. Der Lichmeßtag ist also auch ein Lostag im Bauernjahr, verbunden mit Lichtsymbolen.  Geblieben sind bis zum heutigen Tag die Kerzenweihe und  die Kerzenspende.

Die Bedeutung des „Liamess´n“, wie es der Volksmund es sagte,  ging aber  in der bäuerlichen Welt über das religiöse weit hinaus: Die Ernte war gedroschen, die Waldarbeit im Wesentlichen getan und  Feldarbeit war nicht möglich. Also ein Schnittpunkt im Bauernjahr, der geeignet war abzurechnen, um Knechte und Mägde zu entlohnen, aber diese auch gegebenenfalls zu wechseln. Bei denen es  während des Jahres hieß: „Heit i´s Liachtmeß“, die sich also  um einen „neuen Platz“ umschauen mussten,  schien etwas „faul“ zu sein. Der Verdacht  eines „Rausschmisses“  erschwerte eine Neueinstellung.  Diese Fälle waren aber relativ selten. In der Regel gab es am  Lichtmeßtag  einen Handschlag zur Weiterbeschäftigung oder stattdessen in einzelnen Gegenden vom  Bauern  gar einen Wachsstock.  In unserer Gegend  schenkten  auch die Knechte den Mägden  Wachsstöcke zum Dank, dass ihnen diese das Jahr über die Kammer sauber hielten,  und die Wäsche gemacht hatten.  Und so konnte so manche Magd ob ihrer Dienste und Dienstjahre stolz auf eine Reihe von Wachstöcken verweisen. Eine angesehener  Beitrag,  zur späteren Zierde ihres „Brautkastens“.

Für die Dienstboten hatte der Lichtmeßtag  seine größere Bedeutung , weil er auch Zahltag war. Da wurde dann das „Ausg´machte“ für das vergangene Jahr, das aus Geld und oder Naturalien bestehen konnte, übergeben. War da auch  Gewebtes dabei, dann wurde es bei der nächsten „Stör“, also wenn die „Naderin“ wieder einmal für Tage oder Wochen auf den Hof  war,  zu einem schicken G´wand verwandelt, oder bei den Mannsbildern zu einem „Pfoad“ (Hemd) werden. Einzeln hatte man da am Lichtmeßtag anzutreten, um das „Seine“ in Empfang zu nehmen, vermutlich auch mit Lob oder Tadel verbunden.  Nicht irgendwo, sondern in der „Kinikammer“ oben, also in der besten Stube des Hauses. Und im Raum unterhalb, so wusste es mein Vater, haben sich die Knechte einen Spaß gemacht und die Decke „aufgespreitzt“, weil da oben ja, nach ihrer Ansicht, Unmengen von Geld lagern mussten.

In der Praxis wird  aber der Wunsch eines Wechsels in vielen Fällen schon deutlich vor dem Lichtmeßtag  angekündigt worden sein. Zur Vermittlung gab es auch die „Verdingerinnen“, die zum Beispiel 1862  in Glonn vom Gemeinderat  bestellt  wurden. Dem überall tätigen „Schmusern“ traute man scheinbar nicht.

War eine Weiterbeschäftigung von einer der Seiten nicht mehr gewollt, wurde das „Dienstbüchl“ ausgehändigt, oft mit dem letzten Eintrag „war ehrlich und fleißig“.

Wer aber an Lichtmeß noch keinen „Platz“ hatte, für diese kam die Schlenkelzeit gerade recht. Während der Dienstbotenwechsel am Lichtmeßtag auch im nördlichen Landkreis Ebersberg  bis in die  Mitte der Fünfzigerjahre  des 20. Jhd. noch Bedeutung hatte,  war bei den „Draussahoizan“ das Schlenkelgeschehen nicht üblich. Die sogenannte Schlenkelwoche, mit dem Haupttag des „Schlenkelpfinsta“ also des Donnerstags,  begann nach dem Lichtmeßtag und dauerte bis zum Ablauf des folgenden Sonntags. So wie am Lichtmeßtag so mussten auch am „Schlenklfpfinsta“  nur die nötigsten Arbeiten auf dem Hof verrichtet werden. Die aber, die wechselten, hatten bis zum Montag, also dem Tag des „Einstandes“ frei. Von da dürfte sich auch er Name „Schlenkeln“ ableiten: Das „Schlenzieren“, wie s bei Schmeller heißt, bedeutete Müßiggang, also Nichtstun. Und das mit dem eben ausgezahlten Jahreslohn in der Tasche. So war so mancher Wirthaustisch mit „Schlenklern“ besetzt. Dass am „Schlenklpfinsta“  in Rohrsdorf (Gemeinde Baiern) über Jahrzehnte der „Wurstball“ stattfand, passte zum vollen Geldbeutel  und zum arbeitsfreien Tag.

Am „Schlenkpfinsta“, waren an  größeren Orten, wie Rosenheim, Holzkirchen oder Wasserburg die Schlenkelmärkte angesagt. In der Regel wurden an diesem Tag auch traditionell Warenmärkte abgehalten. Die Verfügbarkeit des Jahreslohns aber auch das zu den Schlenkelmärkten strömenden  Publikum sind hier sicher Anlass gewesen.

Der Schlenklmarkt selbst, an festen Plätzen, in der Regel Wirthäuser, abgehalten, war ausschließlich den Vermittlung von Arbeit suchenden Dienstboten und Dienstboten suchenden Bauern vorbehalten. Sicher gab es auch genug neugieriges Puplikum. Um auf sich aufmerksam zu machen, trugen die sich anbietenden Dienstboten, ein kleines Ährensträußchen am Hut. War man sich einig, wurde das „Ausg´machte“ per Handschlag besiegelt. Hinzu gab es vom Bauern ein „Drangeld“ (auch Dinggeld) an den künftigen Dienstboten, das, wenn es gegeben und angenommen wurde, ein zusätzliches Zeichen der Einigung war. Das „Drangeld“  war eine Extrazahlung und wurde nicht auf den Lohn angerechnet. Aber auch für die eben Bedungenen eine gute Grundlage um den neuen „Platz“ noch mehr oder weniger ausgiebig zu feiern.

Diese Schlenklmärkte,  beziehungweise diese Art der Arbeitssuche, waren bis in die Dreißgerjahre des 20Jhd. üblich. Wenn auch mit abnehmender Tendenz. Wie es im „Oberbayern“ vom Februar 1933 heißt, werden immer mehr Dienstboten aus Niederbayern „importiert“.  Und das vermutlich nicht auf Lichtmeß bezogen, sondern auch während des ganzen Jahres über. Aber auch die immer wichtiger werdenden Arbeitsämter  haben Vermittlungen übernommen. Das Naziregime hatte versucht, die Schlenkelmärkte für ihre Arbeit zu nutzen: Arbeitsämter agierten jetzt auch auf den Schlenkelmärkten,  und  die Vorlage von Arbeitspapieren war Voraussetzung, bis dann nur mehr „von oben“ genehmigte Wechsel erlaubt waren. Aber auch der Ablauf eines Schlenkelmarktes wurde verändert. Nicht mehr das Ährensträußl auf dem Hut der Arbeitssuchenden war angesagt, sondern ein Efeublatt, Zeichen der Treue und Unsterblichkeit musste jetzt getragen werden. Und der suchende Bauer hatte einen Eichenzweig, auch Zeichen der Ewigkeit,  auf dem Hut zu haben. Wenn eine „Verdingung“ vollzogen war, war ein Blatt abzuschneiden. So wie die Schlenklmärkte, so wurde auch Lichtmeß „umfunktioniert“. Das Licht spielte ja bei den „Nazis“ eine besondere Rolle.

 

 

Ein Rathaus hat Jubiläum

Dieser Text von Hans Obermair erschien am 30.9.2021 in der Ebersberger Zeitung

Zeitweise auch Geburtenstation: Vor 90 Jahren bekam Glonn einen neuen Verwaltungsbau

Ab 1808 setzte die Bildung der heutigen politischen Gemein­den ein. Der gewählte Gemeindevorsteher (Bürgermeister), dessen rechte Hand bis 1904 der Lehrer als Gemeindesekretär war, waren die Träger der Verwaltung. Sitz der Verwaltung war die Wohnung des Bürgermeisters. Es ist anzunehmen, dass die Kanzlei der Gemeinde Glonn im 1838 erbauten Schulhaus, wo auch die Lehrerfamilie wohn­te, untergebracht war. Die Verwaltungsaufgaben nahmen zu – Glonn wurde größer. 1899 kaufte die Gemeinde dann ein Grundstück zum Bau eines Wohnhauses mit „Feuerwehrrequisitenraum”. Es wurde 1900 vollendet.
Die Notwendigkeit für ein neues Rathaus wurde bereits 1920 gesehen, als Bürgermeister Meßner das so genannte „Surauerhaus“ mit der Fläche des Marktplatzes für die Gemeinde von Baron Büsing kaufte. Büsing war seit 1908 Eigentümer des gesamten Wirtsareals. Die Surauers betrieben dort als Mieter einen Laden und wohl auch eine „Lebzelterei”, also eine Lebku­chenbäckerei.
Das jetzt 90-jährige Rathaus wurde unter Bürgermeister Ludwig Mayer, dem „Neuwirt”, gebaut. Wie Anton Decker, der damalige Gemeindesekre­tär schreibt, waren die Gründe für das Bauvorhaben, die große Arbeitslo­sigkeit, die herrschende Wohnungsnot, und die unzureichend unterge­brachte Verwaltung. Damals gab es in Glonn 60 bis 70 Arbeitslose bei 1700 Einwohnern. Ein weiterer Grund: „Die in ungenügenden Räumen befindli­che Apotheke.”

Der Rathausbau war bei der Bevölkerung nicht unumstritten. Der ur­sprüngliche Bauplan, wurde nicht gebilligt. Wie es in einer Zeitung von da­mals heißt, habe dann Regierungsrat von Miller (Sohn von Oskar v. Miller) eine neue Planung entwickelt. Architekt Fleißner aus München hat diesen Vorschlag umgesetzt, die Arbeiten übernahmen Glonner Firmen.

Baubeginn war März 1931. Die Einweihungsfeier am 27. September 1931. Eine Bauzeit also, die sich auch unter heutigen Maßstäben sehen lassen kann. Höchstwahrscheinlich war bei Baubeginn die Baugrube für den Kel­ler schon während des Winters ausgehoben worden. Dies war so üblich, weil die Gespanne der Landwirte im Winter eher zur Verfügung standen.

Für den Rathausbau wurden 90 000 Mark veranschlagt. 50 000 standen als Eigenkapital zur Verfügung, 20 000 gab es an öffentlicher Wohnbauförde­rung und 20 000 kamen aus Darlehen. Die Gesamtbaukosten beliefen sich letztlich auf 84 896,83 Mark – dass ein Bau unter den projektieren Kosten bleibt: heute ein Kuriosum.

Bei der Einweihungsfeier am 26. September, war es selbstverständlich, dass die Feier mit einem Festgottesdienst begann. Dann der kirchliche Weiheakt im neu erbauten Rathaus. Die Ansprachen von Pfarrer Schrall und Bürgermeister Mayer standen im Mittelpunkt der Feierlichkeiten. Aber auch Kinder kamen mit Gedichten zu Wort. Der kleine „Reiserfranzl”, der in diesem Haus dann drei Jahrzehnte als Marktgemeinderat wirkte, sage et­wa ein Gedicht auf. Der „Tag des Herrn”, vom Männerchor intoniert, be­schloss dann den offiziellen Teil der Feier. Beim gemeinsamen Essen im „Neuwirt” war die „Tafelkapelle” unter der Leitung des Bürgermeisters zu hören.

Die Amtsräume mit Sitzungssaal waren im Erdgeschoss untergebracht. Im Ober- und Dachgeschoss waren die Wohnungen. Im südlichen Teil des Baues befand sich bis 1973 die „Hubertusapotheke”.

Das Rathaus beherbergte aber nicht nur die Amtsräume, Wohnungen und die Apotheke, sondern im Dachgeschoss von 1945 bis 1964 auch eine Ent­bindungsstation. Viele Glonner kamen dort zur Welt. Während das Rat­haus sein Äußeres seit der Bauzeit weitgehend wahren konnte, hat sich in­nen viel verändert. Die Gebietsreform ab Mitte der 1970er-Jahre macht Glonn ab dem 1. Mai 1978 zum Sitz der Verwaltungsgemeinschaft. Anstatt der bisher fünf Mitarbeiter mussten jetzt 17 aus der gesamten Verwal­tungsgemeinschaft untergebracht werden. Noch unter Bürgermeister Mi­chael Singer wurde der Umbau begonnen. Nach einem Aufwand von rund 1,3 Millionen Mark erhielt das Haus seine jetzige innere Gestaltung. Die Einweihung fand unter dem neuen Bürgermeister Martin Sigl am 30. Sep­tember 1978 statt – fast auf den Tag genau 47 Jahre nach dem Neubau von 1931.

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Unsere Hausnamen: Da Moar und andere

Dieser Text von Hans Obermair erschien am 19.2.12021 in der Ebersberger Zeitung

Unsere Hausnamen  – Da Moar und andere

Mein Vater hieß Hans Obermair. Seine alten Freun­de nannten ihn aber den „Niedermoar Hans“. Warum? Die Sache ist ganz einfach: Früher, und in ländlichen Ge­genden heute noch, nannte und nennt man die Leute nach dem Hausnamen des Hauses, aus dem sie kom­men. Und mein Vater stamm­te vom „Niedermoar“ in Frau­enreuth. Dieser Hausname ist schon 1501 in den Urbaren genannt und ist sicher we­sentlich älter. Wahrschein­lich hat das Kloster Tegern­see, zu dessen Verwaltung das Frauenreuter Gäu gehör­te, ihren Mairhof in frühester Zeit aufgeteilt und die Teile nach ihrer Lage benannt. Aus­gegangen ist man vom Dorf­mittelpunkt, der Kirche. Und so nennt man in Frauenreuth heute noch diese Anwesen beim „Obermoar“, beim „Nie­dermoar“ (Wirt), beim „Hintermoar“ und beim „Neumoar“ (zu „Noima“ verkürzt).

Diese Aufteilung könnte auf Grund von weiteren Ro­dungen erfolgt sein. Eine ers­te Rodung hat ja dem Ort den Namen „Reuth“ gegeben. Mit der bedeutend werdenden Marienwallfahrt eben dann Frauenreuth. Die fünf weite­ren Anwesen, beim „Huber“, beim „Mesner“, beim „Schäff­ler“, beim „Rumpl“ (Schmied) und beim „Siman“ werden auf weitere Teilun­gen, oder Schenkungen,Im südlichen Bayern ist der Hofhame „Moar“ mit allen Varianten besonders häufig anzutreffen. Woher kommt der „Moar“? Reinhard Riepl schreibt: Er war Inhaber ei­nes ganzen Hofes (nach Hof­fuß) oder Verwalter eines Gu­tes. Das Wort selbst kommt aus den Lateinischen Major und bedeutet, der Größere, auf Besitz und Verwaltung bezogen. So nannte man schon die Vorfahren Karl des Großen Hausmaier. Sie ha­ben sich in der Verwaltung bewährt und hoch gedient. Der „Moar“ als der Verwal­tende ist heute noch in ver­schiedenen Sprachen prä­sent. Zum Beispiel in Franzö­sisch ist der „Maire“ der Bür­germeister, oder in Englisch heißt er der „Mayor“. Im bayerischen Dialekt ist der „Moar“ zwar kein Bürger­meister, aber in der Sprache des Eisschießens derjenige, der in der um eine Person we­niger besetzten Gruppe, den Fehlenden zu ersetzten hat, also zweimal dran kommt.

Der „Moar“ ist ein Name mit Bedeutung. Und so ist es nicht verwunderlich dass man zum Beispiel bei einer Einheirat oder eines sonsti­gen Wechsels gerne den „Mo­ar“ mitnahm und sich nach seiner Herkunft nennen ließ. Den „Moar“ gab es bei uns vornehmlich im bäuerlichen Umfeld. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er im Laufe der Zeit auch auf Anwe­sen, die keine „Moargröße“

Bauer wurde. Wie wäre es sonst zu verstehen, dass es in Landsham gleich ein ganzes Dutzend „Moar“ gab, wie Willi Kneißl nachweist: den Niedermoar, Hintermoar, Weidachmoar, Westermoar, Radlmoar, Geßmoar, Stock- moar, Feldmoar, Neumoar, Thalmoar, Obermoar und den Straßmoar.

Hausnamen können vieler­lei Entstehungsgründe ha­ben. Zum Beispiel beim „Mo­ar“, „Huaba“, „Lehna“ und „Häusler“ ist es die /\nwe- sensgröße. Dann die Anwe­senslage, Unter, Ober, Berg, Anger. Feld und so weiter, oft verbunden mit anderen Be­griffen (z.B. Feldmoar). Häu- es in der Regel entweder der Vorname eines frühen, wenn nicht ersten Besitzers oder ei­nes Besitzers durch Hoftei­lung. Kommen innerhalb ei­nes Ortes überwiegend Vor­namen als Hausnamen vor, so könnte das mit der Besied­lung zu tun haben, zum Bei­spiel, wenn sich eine ganze Sippe niedergelassen hat. Ein weiterer Anlass für Vorna­men: Der Grundherr ist ein Gotteshaus, dessen Haupthei­liger dem Hausnamen be­stimmt: Beim „Glos“ in Stein­hausen war die Nikolauskir­che in Steinhausen nicht nur der Nachbar, sondern auch der Grundherr. Wenn eine Kirche oder Pfarrei Grund­ Laufe der Jahrhunderte zu „Wimmer“ zugeschliffen hat.

Auch Grund- oder Gerichts­herren können Hausnamens­geber sein, wie beim „Klin­ger“ oder beim „Zeller“ (Klos­ter Dietramszell). So auch die Herkunft des Siedler wie zum Beispiel beim „Schwabi“. Vie­le Hausnamen wiedergeben den Beruf eines früheren Be­wohners, natürlich in Verbin­dung mit allen möglichen Kombinationen (Angerl- schuster usw.) Häufig haben auf Berufe zurückgehende Hausnamen den ursprüngli­chen ersetzt, weil Bewohner jetzt einen Beruf ausübten und natürlich über die Be­rufsnennung sich einen Wer- manchmal nicht mehr auf Anhieb zu deuten sind, hängt oft damit zusammen, weil sie heute noch im Dialekt ihrer Entstehungszeit gesprochen werden. Zum Beispiel „Moja“ (Maler). Wir nennen zwar heute noch mundartlich das malen „mojn“. Der frühere „Moja“ ist längst zum „Ma­ler“ geworden. Aber auch beim Nachbar des Glonner Moja, beim „Frosch“ lässt sich nicht mehr die Bedeu­tung auf Anhieb erkennen. Die frühen „Froschn’s“ aber werden durch das Fangen von Fröschen ihren Tisch oder gar ihren Geldbeutel aufgebessert haben.

Hausnamen hatten auch rechtliche Bedeutung. Die Fa­miliennamen änderten sich durch Heirat und Wechsel, die Verwaltung aber brauch­te in einer Zeit, wo es keine Straßennamen und Haus­nummern, keine Grundbü­cher gab, „ewige“ Namen. Und so hießen sie auch in ei­ner Verwaltungsvorschrift.

Gräbt man heute einen al­ten Gegenstand aus, der 500 Jahre alt ist, so ist die Sensati­on perfekt. Aber unsere alten Hausnamen, die oft weit älter sind, verkommen zusehends. Obwohl sie Familien-, Besied- lungs-, Wirtschafts-, und Sozi­algeschichte ersten Ranges sind. Überdies sind sie eine Quelle für die Mundartfor­schung. Schade, dass unsere Häuser so ihrer kulturellen Substanz beraubt werden.

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Schwein gehabt

Dieser Text von ©Hans Obermair erschien am 30.6 2021 in der Ebersberger Zeitung

Bemerkenswertes Votivbild:
Wie das Schicksal von 22 Ferkeln die Autorin Lena Christ inspirierte


Schicksalsfrage: Die Stifter der Votivtafel in Frauenreuth bitten die Muttergottes, dass

ein Wurf von 22 Ferkeln überlebt – eine ungewöhnlich hohe Zahl. Das Schicksal des wertvollen Viehs war der Familie ein großes Anliegen. Repro: hog

In der Kirche von Frauenreuth sehen wir ein Votivbild, das auch in die Literatur Eingang gefunden hat: Lena Christ verewigt es in ihrem Roman „Mathias Bichler”. Für sie, die ge­bürtige Glonnerin, gehörte dieses Votivbild sozusagen zu ihren Kind­heitserinnerungen – bewusst oder unbewusst. Jedenfalls kann es die 1909 erschienene Glonner Chronik des Johann Niedermair gewesen sein, die die Dichterin auf die literarische Verwendungsmöglichkeit von Glonner Geschichten aufmerksam machte. Niedermair ist ein Glonner Bauerssohn und feiert 1909 als 34-Jähriger dort seine Pri­miz. Übrigens: Vieles was in der „Niedermairchronik” aufgeschrieben ist, wie zum Beispiel viele Glonner Hausnamen, fand in Lena Christs Werk Eingang, wenn in der Regel auch anders verortet.

Jetzt aber zum Votivbild: Es wurde 1720 von den Müllers- und Bauer­seheleuten „zum Steinmüller” im Glonner Mühltal gestiftet. Der Stif­tungszweck ergibt sich aus dem Text (siehe Zitat).

Mit dem Votivbild von 1720 bittet der Steinmüller Servatius Wäsler und seine Frau Gott und die Gottesmutter von Frauenreuth, dass ihm alle Frischlinge, also junge Schweine, durchkommen, also nicht vorzeitig verenden. Mit dieser Tafel wolle er eine Heilige Messe und ein Opfer in den „Stock” (Opferstock) versprechen und seinen ewi­gen Dank zum Ausdruck bringen. Mit dem „Amen” am Schluss be­kräftigt er seine Bitte und seinen Dank.

Auf dem Bild sehen wir die knienden Steinmüllers in zeitgenössi­scher Tracht. Die Rosenkränze sind sicher zu groß dargestellt, aber kleiner war es auf dem Bild schlecht möglich. Die abgebildete Schweineherde soll sicher nicht die „Frischlinge” darstellen, sondern gewissermaßen das „ausgewachsene Endergebnis”, um das man ja gebangt und weswegen man sich verlobt hatte. Die Bäume am rech­ten Bildrand dürften Eichen sein, denn deren Früchte waren eine Futterbasis für die damalige Schweinemast (Dechelmast).

Die Qualität des Bildes spricht dafür, dass es von einem Profi stammt. Es ist eines der besser gemalten von den Frauenreuther Vo­tivbildern. Und so wird es auch mehr gekostet haben, als üblich. Eine Müllerfamilie konnte sich das eher leisten. Infrage kommen vielleicht

die Maler Möschl, wohl aus Tirol, und Zäch, eventuell aus Benedikt­beuern. Aber auch ein Mitglied der Malerfamilie Beham, die 1718 nach Herrmannsdorf zugezogen ist, könnte es gewesen sein.

Die in dem Bild genannten Wäslers sind eine Glonner Müllerfamilie, die wir im Laufe der Zeit auf verschiedenen Glonner Mühlen schon vor 1600 und bis heute finden. Das heute noch mundartlich gespro­chene „Wasler”, könnte auf den Ursprung des Namens „die Wassler”, also die am oder mit dem Wasser arbeiten, hindeuten.

Ein 1693 geborener Franz Steinmüller, seines Zeichens Zimmer­mann und „Architektus”, war Bruder des Votanten Servatius Wäsler, der 1708 die Bauerntochter Ursula Rumpl aus Hafelsberg heiratete. Das dürfte die Frau auf dem Votivbild sein. 1757 wechselte der Fami­liennamen durch Heirat in Mühltaler – bis heute.

Den Anlass für das Votivbild erfahren wir aus dem Bild selbst. Was auffällt, ist die Zahl der „Frischlinge” – 22. In keinen anderen Unterla­gen lässt sich auf einem Glonner „Sach”, auch nicht auf „ganzen” Hö­fen, des 17. und 18. Jahrhunderts eine solch hohe Zahl finden. Der Steinmüller als „Viertelhöfler” hatte nach dem Steuerbuch von 1671 nur eine „Schweinsmutter” (Muttersau) mit sieben Frischlingen – und damit schon einen überdurchschnittlichen Schweinebestand. Nimmt man das Wurfergebis von 1671, hätte man 1720 drei Sauen und das mit ähnlicher Wurfzeit haben müssen. Für einen „Viertelhöfler” eher auszuschließen.

Es kann also nur die Mühle gewesen sein, die diesen hohen Schwei­nebesatz erlaubte. Möglicherweise ist diese Angst um ihre „Frischlin­ge” durch eine Seuche wie den „Rotlauf’ (die heutige Schweinepest ist erst seit 1833 dokumentiert) bedingt. Aber vielleicht war es auch nur die generelle Sorge um diesen eventuell unerwarteten Schwei­nesegen.

Zurück zu Lena Christ: „Mathias Bichler”, der Roman, der sich um 1800 im oberen Leitzachtal abspielt, erschien 1914. Er handelt vom Findelkind „Mathiasl”, der auf Wanderschaft den Maler Beham – auch ein Glonner Name – trifft. Ihm hat eine Kundin einen Auftrag gegeben: Sie will der Gottesmutter von Ebbs ihren Dank abstatten, weil von einer Sau alle 22 Frischlinge durchgekommen sind. Vorbild für diese Geschichte war sicher das Votivbild von 1720 in der Frauenreuther Kirche – ein weiterer Beweis, wie unzertrennlich Lena Christ und Glonn Zusammenhängen.

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Römerstraße gesucht

Dieser Text von ©Hans Obermair erschien am 7.12.2021 in der Ebersberger Zeitung

Es muss sie gegeben haben, eine Römerstraße von Helfendorf in den Norden des Landkreises Ebersberg. In Kleinhelfendorf wo die „Via Julia” südlich (Grünwald) von München nach Augsburg verläuft, muss diese abgezweigt sein. Die „Via Julia” ist heute noch gut erkennbar, zumin­dest in der Gemeinde Aying. Auch in der Ayinger Schule haben wir das so gelernt. Demnach führte sie an unserer Wiese vorbei. Und so grub ich beim Hüten der Kühe mit Taschenmesser und Händen in den Damm in der Hoffnung, römische Soldaten könnten für mich etwas verloren haben. Gefunden habe ich nichts – außer Freude und Ansporn, mich mit Ge­schichte zu befassen. Bis auf den heutigen Tag!

Die Römerstraßen im Landkreisnorden sind weitgehend bekannt, (siehe HAB Dr. Mayr Gottfried Seite?). Es war die Straße, die Augsburg mit Wels (Oberösterreich) verband und den Ebersberger Forst durchquerte. Die Hauptstrecke führte (OBB. Archiv Band 130 Hans Baur Seite 67) über „Bra- tananium” (Pretzen im LK Erding) über „Ambra” (Dachau) nach Augsburg.

Die Römerstraße, die die heutigen Gemeinden Hohenlinden, Anzing, höchstwahrscheinlich über Froschkern nach Neufarn, und Poing durch­querte (HAB), führte weiter nach Poing, Gelting, Finsing, und Neuching nach Freising. In Neufarn könnte ein Abzweig über Aschheim zum Isar­übergang in Oberföhring gewesen sein.

Wo diese Trasse verlaufen ist, ist offen. Möglicherweise über Grub und Feldkirchen, wo Emmeram, der 652 in Kleinhelfendorf sein Martyrium er­litt, und auf dem Transport über Aschheim nach Regensburg verstarb. Die vermutete Römerverbindung von Helfendorf nach wahrscheinlich Neuf­arn, und weiter nach Feldkirchen, könnte also der Weg des schwer ver­wundeten Emmeram gewesen sein. Aber es gibt für diese Trasse nur Indi­zien.

Kreisheimatpfleger Thomas Warg berichtet uns (siehe EZ vom 24.8.2021), dass das gesuchte Teilstück (Helfendorf – Neufarn) die „Via Julia” mit der Römerstraße von Wels nach Augsburg im Norden des Ebersberger Forstes verbunden haben soll.

Eventuell ist die „Gesuchte” ab Aying am Ostrand der Schotterebene ver­laufen. Nachdem Straßen, damals wie heute, nicht nur gebaut, sondern auch unterhalten werden mussten, waren hierzu „Villa Rustikas” angelegt. Eine könnte das nachgewiesene römische Gehöft in Oberseeon, oberhalb des Steinsees, gewesen sein. Also könnte sich die gesuchte Straße in der Nähe befunden haben. Zum Beispiel bei Pframmern, dessen Namen auf die Römer zurückgeht. Wenn man aber die Geländeskizze im Südlichen

Landkreis (mit den Schotter- und Lehmvorkommen) auch betrachtet, wäre auch ein Römerstraßenverlauf Kleinhelfendorf-Münster-Schlacht-Steinsee (Niederseeon)-Pframmern gut möglich. Damit wäre man ganz in der Nähe von Oberseeon gewesen.

Pframmern liegt aber auch an der Grenze zwischen dem besagten Morä­nenzug Oung-Altmoräne) und der sogenannten Schotterebene (Kiesbo­den), die früher als „Perlacher Haid”, nicht als besonders fruchtbar galt. Es muss eine Graslandschaft gewesen sein, die, wenn überhaupt, nur für die Schafweide taugte. Um aufkommendes Gehölz wird sich sicher der hohe Wildbestand gekümmert haben. Die „Perlacher Haid” war für den damali­gen Ackerbau also nicht geeignet. Und so wird wohl eine Besiedlung der Moränenlandschaft an der Grenze zur Schotterebene, natürlich an oder in der Nähe einerStraße, bevorzugt worden sein: Hier waren die besseren Ackerbaumöglichkeiten, darauf stehend das erforderliche Bauholz, und das alles in der Nachbarschaft der wildreichen „Perlacher Haid”, die auch die „hohe Jagdherrschaft” zu schätzen wusste.

Wenn wir uns die Landkarte anschauen, hat das Aufeinandertreffen dieser beiden Landschaftsformen, die nur im Zornedinger Raum zweimal kurz unterbrochen ist, zu einer Kette von Orten geführt.

Beginnen wir in Aying, unweit von Helfendorf. Dann geht die Reihe weiter über Egmating, Orthofen, Pframmern, Wolfersberg, Zorneding, Ingelsberg, Purfing, Neufarn und weiter nach Poing, Ottersberg, Gelting-Pliening, Finsing und Neuching im Erdinger Land. Auf die Möglichkeiten eines mögli­chen teilweisen Verlaufes im Süden wurde schon hingewiesen.

Diese uralten Orte sind damals wie heute durch eine Straße verbunden. Übrigens: Aschheim und Neuching, sind zwei wichtige Orte, wo 755 und 771 Synoden der Agilolfinger zur Ergänzung des „Lex Bauivariorum” statt­fanden.

Diese beiden Orte wurden sicher ausgewählt, weil sie an bedeutenden Straßen lagen und dies mit entsprechenden Beherbergungsmöglichkeiten. Eine Weiterführung von Neuching nach Freising, der Herzogs- und ersten Stadt des südlichen Bayern und seit 739 Bischofsitz, ist festgestellt. Und so ist es gut möglich, dass Bischof Hitto aus Freising, der im Januar 813 die Kirchen in Gelting und Georgenberg eingeweiht hatte, auf dieser Straße angereist ist.

Ob es sich bei der „Gesuchten” ganz oder teilweise um die Römerstraße, oder um die Vorgängerstraße aus dem ersten Jahrtausend oder um früh­

mittelalterliche Wege handelt, ist (noch) nicht bekannt. Sollte es eine Rö­merstraße gewesen sein, wäre dies logisch. Für den bewährten römischen Straßenbau brauchte man sowohl faustgroße Steine als auch Kiesel ver­bunden mit Lehm. Diese Materialien waren in der Schotterebene als auch in den Moränen reichlich vorhanden. Also keine oder kaum aufwendige Transporte.

Diesen „pekuniären” Vorteil berücksichtigten die Römer sicher bei der Trassenwahl. Von ihnen stammt ja der Spruch „Pekunia non ölet”, also „Geld stinkt nicht”. Aber natürlich nur, wenn es nicht ausgegeben war.

Möglicherweise sind einige Orte mit dem Entstehen der Straße entstan­den. Andere wieder, weil diese da war. Die an der vermuteten Trasse lie­genden Orte haben alle mindestens ein Anwesen mit dem Hausnamen „Moar”. Der „Moar” war häufig nicht nur der größte Hof eines Ortes, son­dern womöglich auch der Erste. Eventuell war bei einigen eine „Villa-Rusti­ka” der Anfang.

Diese Straße wird größtenteils knapp unterhalb der Moränenhänge gewe­sen sein um Steigungen nach Möglichkeit zu vermeiden. Da Hänge natür­lich nach unten erodieren und die flachen Schotterböden nicht nach oben, könnte diese alte Straße meterhoch überschüttet sein. Man kann es ja auch beobachten, dass landwirtschaftliche Flächen, die direkt an einem Hang liegen, mit Erosionsmasse vom Hang her überdeckt sind. Vielleicht können bei tieferen Baugruben unterhalb eines solchen Hanges doch noch Straßenreste entdeckt werden.

Der ganze „kriminalistische” Sachverstand von Generationen von Histori­kern, Archäologen und Heimatkundlern hat bisher nicht ausgereicht, sozu­sagen „die Straßen-Leiche” zu entdecken. Und so muss die Suche, auch die nach Indizien, weitergehen, bis vielleicht einmal „Kommissar Zufall” den Fall löst.

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Hirte und Herde einst und jetzt

Dieser Text von ©Hans Obermair erschien am 18.11.2021 in der Ebersberger Zeitung

Erinnerung an die Wanderschäferei in Ottersberg

Zumindest in den monotheistischen Religionen sind Schafe Opfertiere, eben weil sie für den Menschen einen hohen Stellenwert hatten. Die Ein­heit und Abhängigkeit von Hirte und Herde hat besonders in den christli­chen Religionen hohe symbolische Aussagekraft: Der „gute Hirte” ist Vor­bild und Schutz für den Menschen.

Das Viernutzungstier Schaf (Fleisch-Wolle-Leder und Milch) ist, besonders auch für landwirtschaftlich weniger attraktiven Böden bestens geeignet. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sie auch in unserer heutigen Land­wirtschaft als Nutztiere vorkommen. Schafe waren auch bevorzugtes Leih­objekt. In der Steuerbeschreibung von 1671 ist dies des Öfteren aufge­führt. Die Schur der Wolle war sozusagen die „Leihgebühr”. Entleiher wa­ren oft Wirte oder Metzger, die mehr am Fleisch als an der Wolle interes­siert waren. Überdies waren Schafe leicht zu transportieren, denn sie lie­fen selbst. Schafe waren auch für die kleinteiligen Fluren früherer Zeiten, als noch Dorfhirten den Viehbestand eines Dorfes mit versorgten. Also nach Ernte der Sommerung und Winterung, als auch für die jedes dritte Jahr anfallenden Brache, geeignete Weidetiere. Sie fanden ihre Nahrung auch noch auf Flächen, die von Rindern bereits genutzt waren und so auch „Spezialisten” für Reste. Dies galt auch für Futterreste auf den Anwesen. Ihr Viermägen-Wiederkäuer-System begünstigt dies.

Die kleinteilige Schafhaltung gab es durch alle Zeiten. Besonders von klei­neren Betrieben gepflegt und besonders in „schlechter” Zeit, wo Eigenver­sorgung einen hohen Stellenwert hatte.

Zur bäuerlichen Schafhaltung auf den einzelnen Anwesen gibt es die Wan­derschäferei. Es sind dann schon einige Hundert Tiere, die eine Herde bil­den. Diese Art der Haltung, die ja auf wesentlich größere Flächen angewie­sen ist, ist wesentlich jünger als die traditionell bäuerliche. Sie ist nicht Zu­betrieb sondern Hauptbetrieb. In Zeiten und Gegenden wo die Wander­schäferei nicht in den Ablauf der Landwirtschaft passt, ist diese auf Stall­haltung angewiesen. Es sei denn, es gab genügend große, nicht landwirt­schaftlich genutzte Weideflächen, wie zum Beispiel einen Flughafen. So war es auf dem Gelände des alten Flughafen Riem. Hier ging es vorrangig um Landschaftspflege.

Die Wanderherde gehörte ab den Tagen des Herbstes sozusagen zum Landschaftsbild. Musste man in ein neues Weideland „umgetrieben” ging das in der Regel über öffentliche Straßen – wenn auch mit Behinderung des Verkehrs. Die Weide bildete zunächst der sogenannte „Sograt”, das waren die Halme der auf abgeernteten Getreideflächen aufgegangenen Körner. Dann, und das bis in den November hinein, Wiesen, entweder nach dem letzten Schnitt oder nach der Weide durch die Rinder.

Die Wanderschäferei in den 1950er Jahren kenne ich aus eigenem Erleben in Ottersberg. Schafe waren hier nichts Neues: Beim Wirt in Ottersberg gab es zum Beispiel einen Gebäudeteil, den man den „Schafstall” nannte. An einen Schafbestand auf einzelnen Anwesen kann ich mich nicht mehr erinnern.

Also zur Wanderschäferei: Der Maier Schorsch aus Eicherloh fragte schon früh genug, eventuell schon am Ende der vorigen Saison, beim Ortführer, dem „Sprunkmoar”Taddäus Burghart, ob er im kommenden Herbst wie­der auf der Ottersberger Flur „auftreiben” dürfe. Wenn es dann soweit war, kam er mit seinen 300 bis 400 Schafen und seinen zwei Hütehunden auf die Ortsflur. Sein Schäferkarren, in dem er dann übernachtete, stand schon auf dem vereinbarten Feld. In der Nähe stellte er seinen „Pferch”, das war ein versetzbares Zaungeviert, etwa 20 mal 20 Meter -, auf, in dem seine Schafe bei der Nacht eingesperrt wurden. Dort machten sie viel Mist. Diese Düngung musste dem Bauern etwas wert sein. Und so wurde alle 14 Tage beim Wirt der „Pferch” für die nächsten zwei Wochen versteigert. Das konnten an zum Beispiel die 30 Mark sein, die in die Ortskasse einbezahlt wurden.

Aus dieser Ortskasse wurden dann Aufgaben des Ortes, zum Beispiel die Instandhaltung der Wege, finanziert. Zu diesen Arbeiten, die man „Schar- werch” nannte, sagt der Ortsführer von Haus zu Haus ein und alle kamen. Die größeren Bauern mit Mann und Fuhrwerk und die kleineren mit Re­chen und Schaufeln. Zum Aufladen des Kieses leistete man sich schon da­mals einen Bagger vom „Pfarrerbauern” in Lands-ham. So wurden die We­ge des Ortes instand gehalten. Eine Brotzeit wurde natürlich auch finan­ziert.

Am Ende der Herbstsaison stiftete der Maier Schorsch einen geschlachte­ten Hammel. Die Wirtin verarbeitete diesen zu einem Ragout. Natürlich mit Knödel und Zutaten. Für die Wirtin dürfte es nicht immer leicht gewe­sen sein, diesen mehr oder weniger alten Hammel zu einem „Schmaus” zuzubereiten. Alle, die Grundstücke in der Ottersberger Flur hatten, waren zu diesem Essen beim Saisonausklang eingeladen und alle kamen. Letzte Wanderschäfersaison dürfte um 1960 gewesen sein. So wie sich die Land­wirtschaft seither stark verändert hat, war es auch bei der Schäferei.

Heute ist der Wanderschäfer nicht mehr in erster Linie Fleisch- und Woll­lieferant, sondern Landschaftspfleger. Auch das Umsetzen in ein anderes Gebiet erfolgt nicht mehr „zufuß”, sondern mit entsprechenden Fahrzeu­gen. Die Globalisierung hat sich auch in diesem uralten Gewerbe ausge­wirkt. Schaffleisch- und Wolle aus aller Welt wurde zum Standard. Schade! Und das nach Jahrtausenden allein heimischer Schafhaltung

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Der Bauer und seine drei Herren

Dieser Text von ©Hans Obermair erschien am 19.5.2021 in der Ebersberger Zeitung

Wahrscheinlich war unser Gebiet ursprünglich Fiskal­land, also Land, das im staatlichen Eigentum war, das dann im Zuge der Entwicklung des Christentums zu einem guten Teil an Klöster und kirchliche Einrichtungen (hat sich durch Schenkungen erhöht), und auch an den Adel, als „Obereigentum” übertragen wurde. Ein Teil bleibt beim Landesherrn. Im geringen Maße gab es auch Eigen­tum des Nutzers im heutigen Sinn. Das „Obereigentum”, das ur­sprünglich auch Gerichtsrechte umfasste, wurde überwiegend von „Hintersassen” als Lehen (nur Nutzungsbesitz) bewirtschaftet. Im Ge­genzug mussten an den Grundherrn verschiedene Leistungen wie Scharwerk, Geld- und/oder Naturalabgaben erbracht werden. Bei Nutzer- oder Herrenwechsel konnte eine extra Abgabe (Laudemien) anfallen. Im Falle eines Unglücks, wie Feuer, Hagel Seuchen oder Trockenheit gab es die Hilfe der Grundherren.

Die Leihformen (Lehen) zwischen Nutzer und Eigentümer waren viel­fältig. So gab es z.B. das Erbrecht, das auf die Nachkommen überge­hen konnte, das Leibrecht war auf das Leben des Untereigentümers abgestellt und die Neustift auf die Lebenszeit des Grundherren. Dann gab es auch Zwischenformen unterschiedlicher Art. Wahr­scheinlich waren die kirchlichen Obereigentümer nicht nur die meis­ten, sondern auch die beliebtesten. Ihre „Oberen”, wie Äbte und Pfarrer, stammten ja häufig aus dem Bauernstand und wussten aus eigenem Erleben, was Wohl und Wehe bedeutet. Das damalige Sprichwort „unterm Krummstab ist gut leben” bringt dies zum Aus­druck.

Erfüllte ein Hintersasse seine Aufgabe nicht, konnte er „abgestiftet” werden, das heißt, er musste gehen. Dies war aber sehr selten der Fall. Wenn es zu einem Familienwechsel auf einem Anwesen kam, dann in der Regel deswegen, weil keine Nachkommen vorhanden waren. Und so bewirtschafteten nicht wenige Familien über Jahrhun­derte das gleiche Anwesen. Erst mit der sogenannten „Bauernbefrei­ung” im Jahre 1848 gab es dann endgültig für alle uneingeschränktes Eigentum, das natürlich auch verkauft werden konnte. Die Gegen­leistung war Ablösung und/oder Bodenzins.

Die Anwesensgrößen waren gestaffelt in Höfe (1/1), Huben (1/2), Le­hen (1/4) und Sölden (1/8). Hinzu kamen „Leerhäuser”, in der Regel 1 /16-Anwesen. Das Kriterium für die Zuordnung war nicht eine be­stimmte Fläche, sondern die Ertragskraft des Gutes. Dieses soge­nannte Hoffußsystem, das für ganz Altbaiern galt, war über Jahrhun­derte eine Besteuerungs- und Abgabengrundlage für die Landes-, Gerichts-, Grund- und Pfarrherren. Die einzelnen Anwesen waren in Urbaren oder Saalbüchern aufgezeichnet und beschrieben. Da die Grundstücke nicht vermessen waren, wurde der Grundstücksnach­bar als Anrainer genannt. Damit waren Lage und Größe bestimm­bar. Weitere Aufzeichnungen bestanden z.B. als Steuerbücher, Feu­erstättenbücher, Hofanlagen- und Scharwerksverzeichnisse. Erst mit der Anlage von Hypotheken- und Grundbüchern zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es dann Plan- und Hausnummern.

Vorher war der Haus- oder Hofname, der Familienname konnte ja wechseln, für die Verwaltung der Anwesen das gängige Ordnungs­merkmal.

Die rechtliche Struktur ist mit der heutigen nicht zu vergleichen. Zwei Nachbarn konnten zum Beispiel verschiedenen Gerichtsherrn, wenn auch mit gleichen Rechtsnormen, unterstellt sein. Es gab die Hochgerichtsbarkeit („Malefizhändel”z.B. Mord/Notzucht/Diebstahl), diese hatte in der Regel der Landesherr inne, der sie über sei­ne Landgerichte ausübte. Für unser Gebiet war das Gericht Schwa­ben zuständig. Das Recht der Niedergerichtsbarkeit (kleinere Verge­hen) wurde häufig von sogenannten Hofmarken (geschlossene oder offene) ausgeübt, wie zum Beispiel Zinneberg eine war. Bei geistli­chen Hofmarken war ein weltlicher Vogt zuständig. War der Hof­marktsherr- bzw. Richter oder das Objekt zu weit entfernt, konnte er das Gerichtsrecht z.B. auf eine fremde Hofmark übertragen. Das Kloster Dietramszell, das in der Gemeinde Glonn einiges an Oberei­gentum und niederer Gerichtsbarkeit innehatte, hatte z. B. sein Recht in dieser Gegend an Zinneberg (Pienzenauer) übertragen.

Unterste „Behörde” des Gerichtsherrn war die Hauptmannschaft, die ursprünglich für militärische Zwecke eingeführt, und für je zehn Anwesen eingerichtet war. Mehrere Hauptmannschaften konnten zu „Obmannschaften” zusammen gefasst sein. Dieses Rechtssystem be­stand bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Besonders niedere Gerichtsbarkeiten waren des Öfteren in Händen der Grundherren. Der oberste Gerichtsherr war natürlich über seine Gerichte der Lan­desherr.

Der Pfarrherr war in erster Linie für das Kirchenwesen und für die örtliche Gemeinschaft zuständig und wohl der „Herr” im Ort. Die Be­zeichnung „Insa Herr” für den Ortspfarrer bis ins letzte Jahrhundert üblich, mag daran erinnern. Über die Religion hatte er den größten Einfluss auf das tägliche Leben. Zudem war er auch der „Herr”, der am nächsten war. Über seine Pfarrei, war er für das Bildungswesen zuständig. Ebenso für Kranken- und Armenpflege und gegebenen­falls für den Dorfhirten, wenn sonst kein Träger, wie z.B. eine Haupt­mannschaft, vorhanden war.

Träger einzelner Aufgaben konnte auch eine Bruderschaft sein, in Glonn z.B. die Armenseelenbruderschaft. Zur Finanzierung dieser Aufgaben mussten neben den grundherrlichen Einnahmen, soweit die Kirche auch Grundherr war, auch „Zehent”, das war in der Regel ein Zehntel z.B. des Ernteanteiles, geleistet werden. Ob Natural­oder Geldleistung, das war verschieden. Aber auch Hand-und Spanndienste, insbesondere bei größeren Vorhaben, z.B. einem Kir­chenbau, waren üblich.

Überdies wurde durch den Pfarrer die Landwirtschaft, der „Pfarrhof” seiner Pfarrei geführt. Er war sozusagen auch Bauer, natürlich mit entsprechendem Gebäuden und Personal. Häufig war er ein Bauern­bub und/oder hatte möglicherweise in seiner Kaplanzeit schon auf anderen Pfarrhöfen die Landwirtschaft kennen gelernt. Oft war er der Einzige in seiner Pfarrei, der die Fachliteratur auswerten konnte. Neues Wissen in der Landwirtschaft stand ihm also vorrangig zur Verfügung. Damit konnte er auch „Vorzeigebauer” sein und übte so Einfluss auf das landwirtschaftlich Geschehen in der Gemeinde aus. Und damit auch auf den Wohlstand seiner Pfarrei.

Das System der „drei Herren” über dem Landmann, wurde natürlich immer wieder angepasst und ergänzt. Sicher mag es auch unzufrie­dene Bauern und lokale Aufstände gegeben haben, aber einen „Bau­ernkrieg”, so wie in anderen Gebieten Deutschlands gab es in Altbai- ern (Ober-, Niederbaiern und Teile der Oberpfalz) nicht. Letztlich war das alte System über ein halbes Jahrtausend Garant für Stabili­tät und Wohlfahrt unseres „Altbaiern”. Erst durch die Säkularisation 1802/1803 wurde dieses System in Frage gestellt – eine radikale Än­derung wurde eingeleitet.

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Drinnahoiza, Draußahoiza – daher kommts

Dieser Text von ©Hans Obermair erschien am 14.7.2020 in der Ebersberger Zeitung

Der Ebersberger Forst trennt die Menschen im Landkreis. Heißt es. Hier die Drinnahoiza, dort die Draußahoiza, oder umge­kehrt. Was hat es damit auf sich? Wie tief geht die Trennung? Hans Obermair, Glonner Heimatfor­scher, klärt auf.

Landkreis – „Drinahoiza- Draussahoize“, ein Wortpaar, das heute, Gott sei Dank, nur noch selten in Gebrauch ist. Aber vor 100 Jahren gehörte es, zumindest bei den Älte­ren, zum Sprachschatz. Es wurde immer dann ge­braucht, wenn es um Tren­nendes zwischen Nord und Süd im heutigen Landkreis ging.

Bei diesen Begriffen han­delt es sich zunächst um räumliche. Der „Park“ (Ebers­berger Forst) war das Hinder­nis, das es zu überwinden galt, wenn man zueinander wollte oder musste. Aber das Holz endete nicht an der Grenze des „Parks“, sondern auch außerhalb setzte sich der Wald bis zur Landkreis­grenze fort. Ein gefährlicher Weg also, und teils ohne Wirtshaus. Dies galt natür­lich insbesondere für den Ebersberger-Grafinger Be­reich.

Die Grenze Drinnahoiz- Draußahoiz hatte vermutlich auch etwas zu tun mit den Pflegämtern. Das Landgericht Schwaben umfasste drei Pflegamtsbezirke: Purfing für den Norden und Wiesham, sowie Northofen (Orthofen) für den Süden.

Zorneding gehörte noch zum Süden, also zu Northofen, während Pö­ring und Ingelsberg nach Pur­fing zugeordnet waren. Die Grenze Nord-Süd könnte also außerhalb des Parks etwa die heutige Bahnlinie gewesen sein. Wann, wie und warum diese Pfleggerichtsgrenzen entstanden sind, wurde nicht erforscht.

Warum also diese, auch mentale, Grenze? Mag sein, dass die Landgerichtsverlegung von Falkenberg nach Schwaben (Markt Schwaben) Ende des 13. Jahrhundert mit Ursache war. Im Süden, wo dieser Begriff „Draußahoiz“ wahrscheinlich entstanden sein dürfte, könnte diese Landgerichtverlegung, ein Grund gewesen sein. Dort war dann auch der Oberei­gentümer für mehrere Anwe­sen, dorthin musste man letztlich Abgaben und die Steuern zahlen, von dort aus wurde in Kriegszeiten einberufen, dort musste man für alles Mögliche Genehmigun­gen einholen, zum Beispiel bei der Säkularisation, und in Schwaben wurde in vielen Fällen nicht nur Recht (Hoch­gerichtsbarkeit) gesprochen, sondern auch die Todesstrafe vollzogen. Natürlich für Nord und Süd.

Nach Schwaben war man auch zum, „Scharwerk“ ver­pflichtet. Wie es 1603 heißt, auch zum „Hochgericht”. Fünf aus dem Glonner Gäu wurden zum Dienst gerufen:  Man kann davon ausgehen, dass in Schwaben Hochge­richtstag war und dass die Glonner „Scharwercher“ un­ter anderem dabei für Sicher­heit zu sorgen hatten. Mögli­cherweise war in Schwaben einer von dort „hinzurich­ten“.
Den Schwabener „Scharwerchem” traute man ver­mutlich aber nicht. Sie könn­ten sich ja auf die Seite des Opfers geschlagen haben.

Aber auch die Kultur hat sich im Süden und Norden unterschiedlich entwickelt. Denken wir an die Dachfor­men, die „draußen” steil wa­ren, weil es mehr Getreide­bau und damit mehr Stroh für die Dachdeckung gab. Im Süden war das flache Leg­schindeldach die Regel: hier gab es eben mehr Holz.

Möglicherweise wurde dieser Unterschied auch von der Niederschlagsmenge, die im Süden reichlicher ist, bedingt.

Aber auch behördliche Vor­gaben könnten eine Rolle gespielt haben. Dann auch die Sprache: Zum Hausnamen „Zehetmair“ (von Zehent) sagt man im Süden z.B. in Zorneding und Berganger „Zechatmoar“ und im Nor­den (Gelting, Anzing, Neuching) beim „Zehmer“. Beim „Selmer“ und „Sellmoar“ ist es ähnlich. Und so gäbe es noch einige Beispiele.

Ein früher im Süden gebräuchlicher Spruch: „Draussahoizaboschn griagst drei um an Grosch’n“ setzt heute nicht mehr die vom Norden herab.

Die Zeit mit ihren neuen Verkehrs- und Kommunikati­onsmöglichkeiten hat uns nä­her gebracht. Entfernungs­probleme gibt es nicht mehr. Das „Holz“ ist nichts trennen­des mehr. Damit wurden auch neue Organisationen, denken wir an die letzte Gebietsreform, möglich. Tun wir alles dafür, dass die müh­sam errungene Landkreiseinheit erhalten bleibt. Das grö­ßere Wachstum des Nordens, könnte dieses Gleichgewicht nicht nur stören, sondern auch zerstören.

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